Öffentlich-rechtliches Fernsehen verliert an Glaubwürdigkeit

Kerner/Herman-Affäre deutet auf Zensur innerhalb der öffentlich-rechtlichen Sender. Johannes B. Kerner hatte Angst, seine Show zu verlieren, wenn er Eva Herman weiterreden lässt.

Mainz, 9. Oktober 2007. Eva Herman hatte knapp vier Wochen nach ihrer fristlosen Kündigung beim Norddeutschen Rundfunk (NDR/ARD) ihren ersten Fernsehauftritt, und zwar in der Talkshow Johannes B. Kerner des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF). In der Sendung sollte gesprochen werden über die Rollenverteilung von Mann und Frau im weitesten Sinne, über Familie, über Emanzipation, über politische Ansätze und über Äußerungen in der Öffentlichkeit.

Der NDR ist eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt innerhalb der Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD) und das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) ist eine gemeinnützige Anstalt des öffentlichen Rechts. Diese Rundfunkanstalten sind im Prinzip Behörden. Sie werden finanziert aus den steuerähnlichen Rundfunkgebühren.

In dem Bemühen, sich von den Privatsendern abzugrenzen, betonen ARD und ZDF immer wieder ihre Unabhängigkeit der Berichterstattung. Wie die Kerner/Herman-Affäre verdeutlicht, bezieht sich die Unabhängigkeit lediglich auf die Unabhängigkeit von der Wirtschaft, nicht aber eine Unabhängigkeit vom Staat. ARD und ZDF sind staatlich gelenkte und staatlich kontrollierte Sender.

Johannes B. Kerner ist eigentlich Sport-Reporter. Er wusste, dass Eva Herman den NDR beim Arbeitsgericht verklagt hatte und hätte sich denken können, dass sie nicht friedlich gestimmt sein würde. Neben Eva Herman hatte er auch noch eingeladen Margarethe Schreinemakers, deren Live-Sendung vor Jahren abgeschaltet worden war, nachdem sie ihre eigenen Steuerprobleme zum Thema der Sendung gemacht hatte. Außerdem nahmen teil die Schauspielerin Senta Berger und der Comedian Mario Barth.

Eva Herman hatte sich bei der Präsentation ihres Buches in Berlin an 6. September 2007 vermeintlich lobend über das Mutterbild und die Familienpolitik im Dritten Reich geäußert und war daraufhin am 9. September 2007 fristlos vom NDR entlassen worden. Bei Johannes B. Kerner sollte über ihre umstrittenen Äußerungen sprechen.

Johannes B. Kerner:

    Und ich begrüße sehr herzlich die Moderatorin Eva Herman, die sich ein wenig verharmlosend über die Familienpolitik im Dritten Reich geäußert hat und die vor einem Monat von ihrem Arbeitgeber dem NDR entlassen wurde. (...) Am 6.September war die Pressekonferenz, in der das Buch vorgestellt werden sollte. Was hast du seitdem gelernt?
Eva Herman:
    Ich habe gerade gelernt, dass du schon wieder eine, genau wie in der letzten Zeit, falsche Äußerung getan hast. Nämlich, du hast gesagt, ich hätte mich missverständlich über die Familienpolitik des Dritten Reiches geäußert, und das habe ich definitiv nicht getan. Ihr habt auch in diesem Fall gerade wieder einen abgeschnittenen Halbsatz gezeigt, der aus dem Zusammenhang gerissen wurde. Das heißt, ich habe gelernt, um jetzt auf die Frage zu antworten, dass das, was berichtet wird, in der Presse häufig zu überprüfen ist, weil es häufig auch nicht stimmt.

Zum Eklat kam es dann, nachdem Eva Herman gesagt hatte:

    Aber es sind auch Autobahnen damals gebaut worden und wir fahren heute drauf.

Kerner hat die Situation so dargestellt, dass die drei anderen Teilnehmer an der Show von ihm die Entscheidung erwarteten "sie oder wir", wenn Eva Herman weiterhin an der Show teilnimmt, würden die anderen Teilnehmer gehen. Aus dem Verlauf der Sendung ergibt sich nicht, dass solch eine Entscheidung von ihm erwartet wurde.

Johannes B. Kerner hatte Angst, beim ZDF seine Show zu verlieren, wenn er Eva Herman weiterreden lässt.

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